Dienstag, 7. Juli 2009

Siebter Tag auf See - Erst Flaute, dann Gegenwind ...

Liebe Leser,

während ich diese Zeilen schreibe, kämpft sich das Boot durch einen
aufgewühlten Nordatlantik. Gestern Nacht hat der Wind zunächst auf
Nordost gedreht und uns stundenlang in der Flaute dümpeln lassen, bevor
er dann heute Morgen gegen 8 auf Ost drehte und bis auf fünf Windstärken
zunahm. Jetzt bolzen wir mit nur ein paar Knoten Fahrt über Grund
gegenan, denn aus unerfindlichen Gründen scheint auch noch ein Strom von
vorne zu herrschen. Das Etmal fiel daher erschreckend klein aus: 41,4
Meilen.

Dafür gibt es auch gute Neuigkeiten: Den Kocher konnten wir gestern noch
reparieren - seitdem gibt es wieder warme Mahlzeiten. Wir konnten das
Kupferrohr neu am Kocher befestigen und es ist 100 Prozent dicht.
Allerdings haben wir dafür die Kardanik außer Betrieb gesetzt und der
Kocher kann jetzt nicht mehr in den Wellen die Bootsbewegungen
ausgleichen. Das macht das Kochen ein wenig tricky. Der Kocher geht -
Aber dafür streikt seit heute Morgen das Bordklo. Werden die nächsten
Wochen zum Eimer greifen müssen. Langsam staune ich immer mehr, wieviel
an diesem doch so hervorragend instandgehaltenen Boot dennoch nach und
nach ausfällt.

Die Zeit wird mir langsam lang. Das habe ich damals mit Maverick nicht
so erlebt. Ich hab die Zeit allein auf dem Atlantik genossen, mich ab
und an mal zuhause gemeldet und alles war fein. Diesmal ist alles ein
wenig anders. Ich merke, dass ich eigentlich vielleicht doch ein
typischer, verschrobener Einhandsegler bin ;-) Denn dieser Törn kommt
mir nicht, wie damals die Reise, als Abenteuer meines Lebens vor,
sondern eher wie eine lange, laaaaange Überführungsfahrt.

Derzeit gibt es viele Dinge, an die ich Zuhause denken muss. So viele
wichtige Ereignisse, die in diesen Wochen passieren, wo ich gern dabei
wäre. Am meisten mache ich mir immer noch Sorgen um meine Freundin Cati,
die heute aus dem Krankenhaus entlassen wird. Es ist einfach nicht zu
entschuldigen, dass ich mich gerade in dieser Zeit hier draußen auf dem
Meer rumtreibe ... In einer Woche feiert meine Mutter einen runden
Geburtstag. Noch ein wichtiges Event, das ich verpasse. Bald darauf
feiern meine beiden besten Freunde ihre Hochzeit und der viele
Zeitverlust und jetzt Gegenwind lässt es immer schlechter aussehen, dass
ich dann dabei sein werde. So ein Mist. Das wäre mir wirklich, wirklich
wichtig. Im Moment gibt es eigentlich nichts, das ich lieber möchte, als
in Lissabon an Land zu gehen. Die rauen Tage hier auf dem Nordatlantik,
der Gegenwind, das langsame Vorankommen, der fehlende Schlaf - und die
vielen, vielen Dinge, die ich gerne zuhause miterleben würde, nehmen
irgendwie gerade den Spaß am Segeln. An solchen Tage fragt man sich: Was
mache ich hier eigentlich?

Aber mal sehen, vielleicht wird das ja wieder besser ...

Viele Grüße von hier draußen - vor allem nach Hause!

Euer Johannes

Montag, 6. Juli 2009

Sechster Tag auf See - schon wieder ein Totalausfall ...

Liebe Leser,

es ist ja allgemein bekannt, dass an Schiffen mit der Zeit alles, was
kaputt gehen kann, auch kaputt gehen wird. Manche sprechen sogar von
"Murphy's Law". Aber drei wichtige Dinge in drei Tagen? Nachdem
vorgestern ja wie berichtet das Großsegel einriss (das mittlerweile
geflickt wieder gesetzt ist - nicht schön, aber selten!) und gestern der
Random (Antenne) des Radars von oben kam, ist es heute der Kocher, der
Probleme macht.

Als ich pünktlich zu meiner 7-13 Uhr Wache wach wurde, saß Egi grimmig
am Kartentisch und starrte dem viereckigen Edelstahlkasten zu, wie er im
Wellengang in seiner Halterung schaukelte. Ich: "Moin Egi, alles okay da
draußen?" - Er: "Da draußen schon, aber hier unten ..." - Was war
geschehen? Die Kupferrohr-Verbindung vom Alkoholtank (Brennspiritus) zum
Kocher war gebrochen, muss wohl im Seegang gearbeitet haben. So ein
Mist. Und nun? Pasta kalt schmeckt blöd. Wir sind zwar auf einen
Kocherausfall doppelt und dreifach vorbereitet, aber dennoch wäre es am
komfortabelsten, wenn wir das Ding wieder zum Laufen bekommen würden.
Haben die kaputte Verbindung schon entmantelt und versuchen gerade alles
wieder zusammen zu bauen. Gar nicht so einfach in dem Geschaukel.
Genauer sind wir gerade auf der Suche nach einem Kupferring, der hinter
den Kocher gefallen ist. So weit kann der doch nicht gekommen sein?!
Keiner bewegt sich! Es ist wie nach einer Kontaktlinse zu suchen ...
Sollte es dennoch misslingen und die Verbindung nicht dicht werden,
haben wir als Plan B) Esbit-Kartuschen, die wir auf die Brenner setzen
und damit kochen können. Wenn die alle sind ist Plan C) einfach Spiritus
in die Vorwärmschale zu kippen und damit zu kochen. Dauert lange, aber
geht. Plan D) wäre der Standart-Petroleum-Ofen, der für 40 Euro im
Zubehörhandel zu bekommen und eigentlich zum Heizen gedacht ist, aber
auch eine Hochplatte hat. Zugegeben, das wollen wir nach Möglichkeit
vermeiden, denn wir haben ohnehin schon 26 Grad in der Kajüte. Also
werden wir sehen, dass wir das Kupferrohr dicht bekommen.

Ansonsten hat sich hier nicht viel getan. Die Wellenhöhe hat von drei
auf einen Meter abgenommen. Das ist gut. Letzte Nacht war an Schlaf kaum
zu denken. Immer wieder wurde man in der Koje durch die Gegend
katapultiert. Irgendwann kurz vor Mitternacht fiel das Boot in ein
tiefes Wellental, wobei es mich förmlich aus der Koje riss und 1,5 Meter
Entfernt mit dem Schädelansatz auf die gegenüberliegende Koje zimmern
ließ. Ein Königreich für Leesegel!

Der Wind schiebt uns immer noch gemächlich mit 3-4 Windstärken von
Westen nach Osten. Groß und Genua stehen als Schmetterling. Nur der
Himmel hat sich jetzt ein wenig zugezogen, es ist diesig.

Unsere Position ist 40 Grad 40,9' N und 062 Grad 36,9' W. Seit New York
sind wir 521 Meilen gesegelt und haben noch rund 1.570 bis zu den Azoren
vor uns.

Viele Grüße!

Johannes

Sonntag, 5. Juli 2009

Fuenfter Tag auf See - Erste Reparaturen

Liebe Leser,

gestern Abend saß ich gerade mit dem Laptop in der wie irre rollenden
Kajüte, um mir ein wenig neues Entertainment auf meinen MP3-Player für
die Nachtwache zu spielen (jaahaa, seit Maverick hat sich einiges getan
;-)), als mich Egi mit düsterer Miene an Deck rief: "Wir haben ein
Problem - guck mal!". Schnell hatte ich mir die Ölzeughose übergezogen
und war an Deck gesprungen - und tatsächlich: Das Groß war gerissen, an
der zweiten Reffreihe. Dumm gelaufen, denn wir haben noch gut 1.700
Meilen vor uns. Zwar können wir es noch im dritten Reff setzen, aber
wenn wir wieder auf schwache Winde treffen sollten, wären wir ganz schön
gehandicapt mit dem kaputten Segel. "Anyway, da können wir heute eh
nichts mehr ändern ...", dachten wir und ließen uns nur vom zu 3/4
ausgerolltem Yankee durch die Nacht ziehen. Mit immerhin noch 6 Knoten.
Zugegeben, wir waren vor dem Segelriss ein wenig übertakelt unterwegs
mit einem Schnitt von 7,5 Knoten, im Surf oft bis 9, einmal sogar über
12 Knoten. Hat enorm Spaß gemacht, aber wir sollten hier eigentlich
nicht auf Geschwindigkeit, sondern Haltbarkeit segeln.

Gestern hatte ich die "lange Nacht". Oder die "kurze", wenn man den
Schlaf rechnet. Als ich heute Morgen um 8 in die Koje stieg machte sich
Egi dran, die Leine für das dritte Reff ins Segel zu ziehen und das Groß
zu flicken. Ging wohl ganz gut. Schon gestern hatte Egi festgestellt
"Mist, ich hab schwarzes und grünes Dyneema-Garn dabei, aber keins in
Segelfarbe!". Scheint, als sollte das auch das Schlimmste an dem Riss
gewesen sein. Sieht so genäht und getapet zwar nicht schön aus, aber
sollte bis auf die Azoren halten. Was besseres ist bei 16 Knoten Wind
und bis zu 3 Metern Welle von Achtern einfach nicht zu machen. Kaum war
das Segel fertig repariert, rief mich Egi wieder aus der Koje: "Wir
haben noch ein Problem!". Ich hatte mich über das klängelnde Geräusch
vom Heck her schon gewundert ...

Ein Blick nach oben: Der Random (die "Antenne") des Radars war
losgerissen und baumelte vom Achterstag über dem Cockpit. Nun muss man
dazu sagen, dass das Radar auf der Gavdos typisch amerikanisch und
ziemlich merkwürdig gefahren wurde: Ein dünnens Edelstahlrohr, das
parallel zum Achterstag montiert und durch selbiges gehalten wurde, trug
in etwa 3 Metern Höhe den halbhardanisch aufgehängten und ziemlich
schweren Random, der natürlich in jeder Welle hin und her geschaukelt
wurde. Durch torsionskräfte hatte sich das Rohr durch die Drehbewegungen
einfach immer dünner gearbeitet und war nun gebrochen. Ein
Mordsspektakel, das Ganze von oben runter zu bekommen. Zumindest bei den
eingangs beschriebenen Seeverhältnissen. Wir haben es schließlich an der
Kardanik gelöst, das Kabel gekappt und müssen nun ohne Radar auskommen.
Schade, denn manchmal war es schon sehr praktisch. Nun liegt es in der
Vorschiffskoje und ruht sich aus von dem ganzen Geschaukel.

Man sieht wieder: Alles, was an Bord an Technik vorhanden ist, wird
irgendwann kaputt gehen. Merkwürdig nur, dass mir auf der Reise mit
Maverick auf der ersten Etappe zu den Kanaren ebenfalls nach etwa 400
Meilen erst das Groß gerissen und dann das Radar herunter gekommen ist.
Tze....!

Trotz der reduzierten Segelfläche kamen wir gut voran: Ein Etmal von 138
Meilen. Noch 1690 Meilen bis zu den Azoren. Die Position ist 40 Grad
22,1' N, 065 Grad 18,3' W

Bis morgen!

Euer Johannes

Samstag, 4. Juli 2009

Vierter Tag auf See - Im Golfstrom!


Liebe Leser,

innerhalb der letzten 24 Stunden sind wir konstant auf etwa 40 Grad Nord
gesegelt. Der Breite, auf der nicht nur New York und die Azoren liegen,
sondern auch der Golfstrom und vorherrschende Westwinde zu erwarten
sind. Kurz nach dem Blogeintrag gestern drehte der Wind tatsächlich auf
West und nahm auf etwa 12 Knoten zu, was und muntere Fahrt von im
Schnitt etwa 5,5 bis 6 Knoten bescherte. Das Groß steht an Backbord, die
Genua ausgebaumt an Steuerbord. Es ist fast wie Passatsegeln, würde die
Sonne morgens nicht "auf der falschen Seite", nämlich hinter dem Segel
aufgehen. Dass wir über Grund knapp 7 Knoten laufen und die Temperatur
von gestern Mittag bis heute Mittag um 4,5 Grad Celsius auf 23,6 Grad
gestiegen ist lässt erkennen: Wir müssen im Golfstrom sein! Auch die
letzte Nacht war ein wenig wärmer als die vorigen, in denen wir nachts
in Ölzeug und dickem Fleece im Cockpit saßen. Jetzt reichten auch schon
wieder lange Hose und Thermo-Unterwäsche. Die Sonnenaufgänge machen die
kalten Nachtwachen dann wieder wett. Bis um 9 Uhr ist es dann meist
schon wieder so warm, dass man in kurzer Hose und T-Shirt in der Sonne
sitzen und lesen kann.

Lesen tun wir viel. Egi ist fast durch mit der "Vermessung der Welt",
ich habe gerade den Clive Cussler "Night Probe" durch und heute "Two on
a boat" angefangen. Mit dem Buch hat es eine witzige Geschichte auf
sich: Als ich 2006 Maverick verkauft hatte und im Warten auf den
Weiterflug noch für 3 Tage New York besuchte, sah ich dieses Buch in
einer Buchhandlung in Manhattan, unweit des Central Parks. Es ist die
Geschichte eines britischen Pärchens, das erst spät in ihrem Leben mit
dem Segeln beginnt und dann über den Atlantik segeln möchte. Ich weiß
nicht mal, ob das Buch wirklich gut ist, aber was mir damals gefiel war
die Aufmachung: Zwischen Bildern von der Reise waren auch
Hafenformulare, Ausschnitte aus alten Seehandbüchern und Seekarten, -
ja, sogar Ausschnitte aus Bedienungsanleitungen eingefügt. Man bekommt
einen schönen Einblick in das Leben an Bord. Dazu gibt es viele
ausgesuchte Zitate, was mir gefällt. Ich hab mich damals, als ich mein
Buch geschrieben habe, sehr geärgert, damals in dem Buchladen nicht
zugegriffen zu haben, weil es ein schöner Anhaltspunkt gewesen wäre, um
mein eigenes Buch zu verfassen. Ich wusste nicht einmal mehr, wie es
heißt. Nun kam ich am letzten Sonntag in denselben Buchladen - und da
stand es noch im Regal! Gekauft. ;-)

Ansonsten gibt es hier von Bord nicht viel neues. Letzte Nacht viel
Verkehr von Fischerbooten. Eins kam sehr nahe, als ich um 3 Uhr meine
Wache hatte. Das Etmal fällt mit 106 Meilen wieder etwas bescheidener
aus, weil gestern im Laufe des Tages noch ein paarmal schwacher Wind
herrschte. Erstaunlich ist, dass uns ständig noch sehr viele Vögel
umkreisen. So weit draußen!

Egi steht gerade am Herd, sieht nach Frühstück aus. Omelette?
Tatsächlich. Mit Käse. Das klingt gut. Langsam werden unsere restlichen
frischen Sachen schlecht. Dann werden wir wohl wieder zu den Dosen
greifen müssen. Für heut abend ist wieder Pasta mit Tomatensauce
geplant. Diesmal Bolognese. Habe vorgeschlagen, unsere Dosenkuh (Corned
Beef) dafür anzubraten.

Noch 1830 Meilen bis Horta. Position ist 40 Grad, 5,2' N, 068 Grad 16,6'
W


Freitag, 3. Juli 2009

Dritter Tag auf See - Gute Fahrt und dann wieder Flaute ...

Liebe Leser,

gerade dümpeln wir wieder einmal in einer Flaute, die uns nur mit etwa 2
Knoten über Grund davon kommen lässt. Hohe Dünung und wenig Wind - Sie
können sich vorstellen, was das für ein elendiges Geklapper und gerolle
ist. Dabei lief es doch die vergangene Nacht so gut! Im Laufe des
Nachmittages war Wind aufgekommen, der auf Süd drehte und uns mit
stetigen 7 Knoten über Grund (und etwa 1 Knoten Strom von hinten) genau
auf Horta zu schob. Zum Abendessen gab es wieder einmal Pasta und
Tomatensauce, mein typisches Atlantikessen. Dann begannen die
Nachtwachen. Ich hatte gestern "die kurze Nacht", das heißt zunächst von
22 Uhr bis 1 Uhr, dann löste mich Egi von 1-4 ab, bevor ich wieder von
4-7 Uhr ins Cockpit musste, dann aber den ganzen Vormittag pennen
konnte. Jetzt ist es kurz nach Mittag, gleich werden wir etwas zu essen
machen und dann verschwindet Egi bis 19 Uhr in der Koje. Im Prinzip
sehen wir uns erst auf den Azoren wieder länger, als für eine
Essenszeit.

Nervig sind, knapp 160 Meilen vor der Küste, immer noch die Mücken und
stechenden Fliegen an Bord. Wir haben sie noch immer nicht alle
erledigt. Nachts kommen sie aus ihren Löchern und beißen - immer nur
mich! Wie kommt das? Nur deshalb, weil ICH es war, der gestern den
Kuchen ausgepackt hat und ICH, der ständig dieses blaue, zuckerige
Powerade-Zeugs säuft? Werd mal auf Wasser und Brot umsteigen, das ist
zuckerfrei ... Und später nochmal mit der Fliegenklatsche auf Jagd
gehen. Hab noch nie in einem Weltumseglerbuch von Fliegenproblemen auf
See gelesen. Gestern hatten wir auch schon extra unsere Tomatensauce
"fully loaded" - mit Knoblauch. Und zwar mit frischem Knoblauch. Eine
ganze Zehe so groß wie bei uns zuhause eine ganze Knolle. Hat nichts
genutzt. Elendiges Mückenzeugs ...

Das Etmal heute wäre sicher sehr viel größer ausgefallen, wäre heute im
Morgengrauen nicht der Wind ebenfalls ausgefallen. Nur 125 Meilen. Dafür
genau aufs Ziel, mit einer Höchstgeschwindigkeit von 9,5 Knoten. Das
hätte ich der alten Colin Archer gar nicht zugetraut.

Mittagsposition: 40 Grad 09,1' N, 70 Grad 34,5 ' W

Viele Grüße und bis Morgen!

Johannes

Donnerstag, 2. Juli 2009

Zweiter Tag auf See - Erst Gegenwind, dann Flaute ...


Liebe Leser,

so kurz vor der Abfahrt gab es gestern doch noch einiges zu erledigen.
Erst gegen 4 Uhr nachmittags haben wir die Lincoln Harbor Marina in
Jersey verlassen. Vorbei an der Skyline von Manhattan segelten wir noch
einmal dicht an der Freiheitsstatue vorbei und erreichten gegen 7
Uhr abends die Verrazano-Narrows-Bridge und damit den Atlantik. Noch vor
der Brücke an der Mündung des Hudsons stand der Wind von Osten gegenan.
Wir mussten kreuzen und wurden dabei von der "Queen Mary 2" überholt,
die gerade aus dem Hafen auslief. Auch die ganze Nacht durch kreuzten
wir gegen hohen Seegang aber verhältnismäßig schwache Winde nach Osten,
begegneten zwei großen und gleichmäßig beleuchteten Schiffen, die
aussahen wie Flugzeugträger. Einem davon kam ich während meiner
Nachtwache von 1-4 Uhr ziemlich nahe.

Heute Morgen begrüßte mich der Atlantik beim Wachwechsel um 7 Uhr mit
einer Flaute und zugleich hohen Dünung, die die Segel nervig von einer
Seite auf die andere Flappen ließ. Zeitgleich tuckerte ein Fischkutter
mit voller Fahrt genüsslich auf uns zu, die wir uns auf der Stelle im
Kreis drehten. Offenbar hatte der Kutter den Autopiloten eingelegt und
war in der Kombüse Kaffee kochen. Schnell den Motor an und ihm aus dem
Weg. Wollte ihn schon anfunken, aber das hätte er wahrscheinlich eh
nicht mitbekommen. Unglaubliche Szenen, die sich hier auf dem Atlantik
abspielen ...

Da der Motor nun schonmal lief, tuckerte ich fast zwei Stunden gegen
hohe Wellen an nach Osten, während Egi hundemüde in der Koje verschwand.
Gegen hohe See zu motoren macht mit diesem 9-Tonnen-Schiff, das mit 27
PS recht mager motorisiert ist, keinen rechten Spaß, aber nach der
elendigen Kreuzerei der vergangenen Nacht war es schon schön, mal in die
richtige Richtung zu fahren. Irgendwann fand ich ganz schwachen Wind und
setzte Vollzeug: Groß, Genua und Stagsegel. Der Wind nahm zu und wir
konnten mit 4 Knoten gen Nordosten segeln. Da ist zumindest schonmal ein
"ost" drin.

Jetzt ist Egi gerade wach geworden und scheint ausgeschlafen zu sein.
Dafür bin ich nun ziemlich gerädert, werd nach dem Frühstück gleich in
der Koje verschwinden. Erster Positionseintrag in die große
Atlantikkarte. Ich möchte gar nicht ausrechnen, wieviele Meilen wir seit
der Abfahrt vor 20 Stunden in Richtung Ziel gut gemacht haben. Ich denke
nicht mehr als 35. Das fängt ja gut an. Sicher werden wir noch einige
Tage brauchen, bis wir wieder voll im Trott sind und uns in das
Bordleben eingelebt haben.

Bis morgen!

Johannes




Mittwoch, 1. Juli 2009

Es geht los!

Liebe Leser,

gleich ist es soweit. Sobald dieser neue Blogeintrag ins Internet gestellt ist, fliegen bei uns die Festmacherleinen an Deck. Es geht hinaus in den Hudson, die Segel werden gesetzt und wir lassen uns von den bis zu 3,5 Knoten Strom des Flusses hinunter zu seiner Mündung treiben. Links die Skyline von Manhattan, rechts von New Jersey. Dann kommt rechts Ellis Island, dann die Freiheitsstatue und wenn wir die Brücke hinüber nach Staten Island passiert haben, sind wir schon fast draußen auf dem Atlantik. Von dort werden wir direkt Kurs Ost gehen und uns auf dem 40. Breitengrad hinüber zu den Azoren hangeln.

Das Wetter sieht für die nächsten Tage perfekt aus. Rückenwind mit 3 Windstärken. Heute sieht das Wetter allerdings ziemlich diesig aus.

Kurz vor einer Atlantiküberquerung - was macht man da? Ich bin heut ungewohnt ruhig, so als ob wir nur auf die andere Seite des Hudsons verholen würden und nicht auf die andere Seite des Atlantiks. Ich bin selbst überrascht, dass sich bei mir die Anspannung und Nervösität ziemlich in Grenzen hält. Dafür ist die Neugier groß. Neugier, was uns da draußen erwartet, wie das Wetter wird, ob wir gut voran kommen und was wohl so passieren wird. Wir werden sehen.

Gestern waren wir noch einmal einkaufen. Haben uns mit frischen Sachen eingedeckt und die Wasservorräte aufgefüllt. Als Abschied von New York waren wir dann gegen Abend nochmal drüben in Manhattan und haben uns in einem Steakhouse ein echtes New Yorker Sirloin-Steak gegönnt. Und so wie meins geschmeckt hat, muss die Kuh ein wahnsinnig gesundes und glückliches Leben geführt haben ;-)

Heute Morgen verlief der Tag auch nicht anders als schon die letzten Tage. Aufstehen, Kaffee, Internet im Marina-Gebäude, per Skype nach Hause telefonieren. Jetzt werden wir gleich noch die letzten Sachen unter Deck seefest verstauen und dann legen wir gleich ab. Vor dem Bug hängt schon eine Kamera im Tauchgehäuse, vollkardanisch aufgehängt, am Spibaum und soll unser Ablegen filmen. Die zweite klemmt auf dem Heckkorb. Wir wollen viele Aufnahmen von dieser Reise mitbringen und sind gespannt, wie die ganzen Gadgets funktionieren.

Täglich wird es von nun an einen Logbucheintrag über Iridium-Satellitentelefon geben. Die Positionsseite funktioniert ebenfalls. Dort gibt es jeden Tag eine neue Stecknadel. Der Twitter wird während der Atlantiküberquerung leider nicht funktionieren.

Soweit.

Viele Grüße ein letztes Mal aus New York. Jetzt geht es los! :-)

Johannes
Beim Bummeln in der City fand ich diesen Aufkleber bei Starbucks auf dem Klo ;-)

Unter dem Namen "Johannes" kann sich in den USA kaum einer etwas vorstellen.

Beim letzten Einkaufstrip in den Supermarkt haben wir uns auf Anraten meines Onkels ein wenig gegen die beschriebene Stechmückenplage gewappnet …

Mit der zunehmden Piratengefährdung war Egi auch der Meinung, wir sollten zumindest während der Nachtwachen grundsätzlich jeder ein Laserschwert mit uns führen.

Ich dagegen war davon überzeugt, dass wir unsere Ahornsirup-Vorräte noch um eine weitere Gallone (!) aufstocken sollten.

Die letzte Nacht in New York verbrachten wir am Times-Square. Selbst an einem Dienstagabend pulsiert dort das Leben. Größer kann der Kontrast nicht sein - von der Großstadt in die einsame Leere des Atlantiks.

Bevor wir nun die kommenden Wochen wieder auf haltbare Dosennahrung umsteigen, gönnten wir uns in einem typischen New Yorker Steakhouse ein echtes Sirloin-Steak :-)